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"Ich sehe keinen Grund, auf andere Impfstoffe zu warten"

Prof. Dr. Michael Löhr ist Pflegedirektor am LWL-Klinikum Gütersloh. Die Diskussion um den neuen AstraZeneca-Impfstoff beobachtet er sehr genau - Sorgen über mögliche, über das normale Maß hinausgehende Nebenwirkungen macht er sich keine.

An wen wird AstraZeneca verimpft?

Prof. Dr. Löhr: Der AstraZeneca-Impfstoff ist in Deutschland nur zugelassen für den Personenkreis zwischen 18 und 64 Jahren. Das bedeutet, dass nach der Impfpriorisierung dieser Impfstoff auch nur in den einzelnen Priorisierungskategorien an diese Personengruppe verimpft werden kann. Dies wird eine direkte Auswirkung auf viele Beschäftigte im LWL haben, die im Rahmen von Impfaktionen und ihrer Altersstruktur damit konfrontiert sein werden, dass Ihnen der AstraZeneca-Impfstoff angeboten wird.

Welche Nebenwirkungen sind zu erwarten bzw. wurden bereits beobachtet?

Prof. Dr. Löhr: Aktuell wird viel berichtet über Wirkung und Nebenwirkung des AstraZeneca-Impfstoffes, der anders als Moderna und Biontech/Pfizer kein mRNA Impfstoff ist. Aus der Praxis sind übliche Impfreaktionen wie zum Beispiel Unwohlsein, Schüttelfrost und Fieber vor allem nach der Zweitimpfung bekannt. Es ist aber keineswegs so, dass dies bei den Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna nicht der Fall sei. Auch hier sind Impfreaktionen bekannt. Das Robert Koch Institut hat noch vor Kurzem veröffentlicht, dass es nach aktueller Studienlage (Stand vom 29.01.2021) keinen Unterschied in Bezug auf Sicherheit zwischen dem Vektorimpfstoff von AstraZeneca und den mRNA Impfstoffen von Moderna und Biontech/Pfizer gibt. Nebenwirkungen im Sinne von Impfreaktionen traten nicht häufiger auf.

Ist AstraZeneca weniger wirksam als die beiden anderen zugelassenen Impfstoffe Biontech/Pfizer und Moderna?

Prof. Dr. Löhr: Es gibt tatsächlich Unterschiede in der sogenannten Impfeffektivität. Das möchte ich aber kurz erläutern, weil Prozentzahlen manchmal für Verwirrung stiften und man gar nicht so genau weiß, was dies eigentlich bedeutet. Daher hier ein kleines Rechenbeispiel: Wir wissen, dass von 1.000 Erwachsenen zwischen 18 und 64 Jahre ca. 18 Personen ohne Impfung an einer schweren Covid Infektion erkranken. Der AstraZeneca Impfstoff hat eine Impfeffektivität von ca. 70 %. Das heißt, dass von den 18 Personen 13 Personen nicht an einer Covid-Infektion erkranken und eine Erkrankungsrate von 5 Personen von 1.000 bleibt. Die Moderna- und Biontech/Pfizer-Impfstoffe haben eine Impfeffektivität von ca. 95 %. Wieder bezogen auf eine Stichprobe von 1.000 Erwachsenen, von denen 18 Personen ohne Impfung erkranken würden bedeutet das, dass eine Person trotz Impfung an einer Covid-Infektion erkrankt. Dieses Rechenbeispiel soll deutlich machen, dass auch der AstraZeneca Impfstoff eine deutliche Reduktion an Covid-Erkrankungen erzielen kann. Bezogen auf eine Gruppe von 1.000 Personen erkranken bei einer Impfung durch Biontech/Pfizer oder Moderna ca. 4 Personen weniger, als bei der Impfung durch den Impfstoff von AstraZeneca.

Sollten LWL-Mitarbeitende sich weiterhin mit AstraZeneca impfen lassen oder lieber auf die Verimpfung anderer Stoffe (Moderna, Biontech/Pfizer) warten?

Prof. Dr. Löhr: Aufgrund der vorliegenden Studien und der hohen Impfeffektivität des Impfstoffes von AstraZeneca sehe ich persönlich keinen Grund auf andere Impfstoffe zu warten. Auch wissen wir heute nicht, wie lange die Impfung beziehungsweise die Antikörper tatsächlich einen Schutz bieten. Es kann sein, dass wir diese Impfung in entsprechenden Abständen wiederholen müssen, ähnlich wie bei einer Grippeimpfung. Aus heutigem Erkenntnisstand spricht nichts dagegen, bei weiteren Impfterminen auf andere Impfstoffe zu setzen. Aus wissenschaftlicher Perspektive ist der vektorbasierte Impfstoff von AstraZeneca genauso empfehlenswert wie die mRNA Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna. Was das individuelle Impfrisiko angeht, so sollten sich die Kolleginnen und Kollegen im LWL persönlich informieren und auch gut aufklären lassen. Dafür sind dann die impfenden Ärzte zuständig.