check-circle Created with Sketch.

"Nicht pokern, sondern zugreifen"

(01.03.2021)
LWL-Krankenhausdezernent Prof. Dr. Meinolf Noeker hält nicht viel davon, den AstraZeneca-Impfstoff aus Angst vor möglichen Nebenwirkungen nicht zu nutzen.

Herr Prof. Dr. Noeker, wie stehen Sie zur Kritik am AstraZeneca-Impfstoff?

Noeker: Mein Kollege Prof. Dr. Michael Löhr hat die möglichen Nebenwirkungen des AstraZeneca-Impfstoffs bereits sehr gut in Relation zu seinen Vorteilen gesetzt (hier geht's zum Interview). Ich möchte diesen informativen Beitrag gerne noch um zwei wichtige Punkte ergänzen:

Erstens haben wir mittlerweile hochaktuelle Daten: Zwischen dem 8.12. und dem 15.2. wurden in Schottland rund 1,14 Millionen Corona­Impfstoffdosen an rund 21 % der Bevölkerung verabreicht. 650.000 Menschen in Schottland erhielten den Impfstoff von Biontech/Pfizer, 490.000 das Präparat von AstraZeneca. Vier Wochen nach der Verimpfung der ersten Dosis des Coronaimpfstoffs von Biontech/Pfizer sinkt das Risiko des Empfängers, wegen COVID-19 ins Krankenhaus zu müssen, um bis zu 85 %. Beim Impfstoff von AstraZeneca geht das Risiko demnach sogar um 94 % zurück - nachzulesen unter anderem im Ärzteblatt. Fazit: In dieser gigantisch großen Studie hat der Impfstoff von AstraZeneca unter Praxisbedingungen sogar die Nase vorn!

Und Ihr zweites Argument für AstraZeneca?

Noeker: Schnelligkeit vor Pokern! Selbst wenn man die eben genannte Studie zur Seite wischen will, so bleibt die einfache Rechnung: Eine sofortige Impfung mit AstraZeneca wirkt auch sofort! Ein Warten auf eine spätere Impfung mit einem vermeintlich besseren Impfstoff lässt einen bis zu diesem ungewissen Zeitpunkt weiter ungeschützt - und die persönliche Umgebung ebenso. Es kommt jetzt auf Schnelligkeit bei der Durchimpfung an – für jeden Einzelnen und für die Gesamtbevölkerung. Ein paar Prozente mehr oder weniger Wirksamkeit für den einen oder anderen Impfstoff stehen da klar zurück.

Was würden Sie den Kolleg:innen des LWL-Psychiatrieverbundes raten?

Noeker: Der Impfstoff, der einem als erstes angeboten wird, ist der Schnellste und damit insgesamt Wirksamste. Mein Appell ist daher an alle, die die Chance haben, geimpft zu werden: Nicht pokern, sondern zugreifen!

"Wir dürfen uns nicht spalten lassen"

(02.02.2021)
Prof. Dr. Meinolf Noeker ist LWL-Krankenhausdezernent und Chef des LWL-Psychiatrieverbundes. Impfskeptiker und -befürworter sitzen für ihn in einem Boot: Alle wollen Corona hinter sich lassen.

Wann lassen Sie sich gegen Corona impfen?

Noeker: Wenn ich dran bin. Aus meiner Sicht haben erst mal unsere besonders vulnerablen Patienten und Klientinnen Vorrang, und die Kolleginnen und Kollegen, die in besonders gefährdeten Bereichen in den Kliniken, Pflegezentren oder Wohnverbünden arbeiten.

Würden Sie die Impfung für jeden und jede empfehlen – auch in der Familie und im Freundeskreis?

Noeker: Das ist glasklar für mich: Ich habe die Impfung meiner Frau und meinen Kindern empfohlen, und ich empfehle sie für so gut wie jeden und für jede.

Warum?

Noeker: Weil ich die Impfung für sicher halte. Das Corona-Virus ist neu und sehr viel gefährlicher als andere Krankheitserreger, stimmt. Aber die Technik zur Entwicklung von Impfstoffen ist dutzende Male erfolgreich durchexerziert worden. Unser Wissen über Impfungen ist immens. Mich hat ein Freund gefragt, ob da nicht Viren oder ähnliches gespritzt werden. Meine Antwort: nein, sondern es gelangt nur ein Partikel in den Körper, das unser Immunsystem befähigt, Coronaviren zu zerlegen, wenn sie in den Körper kommen sollten.

Stichwort Forschung und Tests der Impfstoffe: Lief nicht alles viel zu schnell bei der Zulassung der Corona-Impfstoffe?

Noeker: Die Geschwindigkeit ist nicht das Entscheidende, sondern die Sorgfalt. Sie können einen Garten an einem Wochenende oder drei Monate lang umgraben, das Ergebnis bleibt ein umgegrabener Garten. Bei der Zulassung der Impfstoffe hat die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA alle notwendigen Schritte exakt abgearbeitet. Die Impfstoffe sind an genauso so vielen Probanden getestet worden wie in früheren Genehmigungsverfahren, bei denen man nicht so aufs Tempo drücken musste. Ich habe große Zuversicht, dass die Coronaimpfung wie frühere Impfkampagnen auch ohne nennenswerte Schäden verlaufen wird. Wenn man bei der Abwägung die Skepsis in die eine Waagschale wirft und in die andere Waagschale den Nutzen für Gesundheit, Solidarität mit verletzlichen Mitmenschen und die Rückkehr zu unbeschwerter Lebensfreude bei der Pizza im Restaurant, dann sehe ich was die Waagschale anzeigt.

Was sagen Sie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die der eigenen Corona-Impfung skeptisch oder abwartend gegenüberstehen?

Noeker: Dass ich ihre Entscheidung respektiere. Und dass wir uns nicht spalten lassen sollen. Impfskeptiker und Impfbefürworter teilen die Sehnsucht, Corona hinter sich zu lassen. In dieser Sehnsucht können wir uns verbinden und gemeinsam handeln. Meine Überzeugung ist: Die Chance zur Impfung dürfen wir jetzt nicht ungenutzt verstreichen lassen. Sie ist das Ass in unserem Ärmel. Was wäre die Alternative? Wir dürfen aus wirklich, wirklich guten Gründen zuversichtlich sein, dass wir damit alle gemeinsam gewinnen. Je mehr mitmachen, desto schneller und besser gelingt das.